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Radtour 2004 Brüggen/Blankenberge

Vier Tage gegen den Wind

Es war lieb von Helga, uns gleich mit der Hotelbeschreibung einen „Falk“-Routenplaner mit ins Kuvert zu stecken. Pech hatte, wer schon am Mittwoch Abend gefahren war und sich daran gehalten hatte, denn die Route über Antwerpen war eine einzige Katastrophe. Ungelogen steckten wir (Helga, Reinhold und ich) geschlagene zwei Stunden im Stau. Klar, dass uns nach 6-stündiger Fahrerei erst mal ein paar Bierchen am herrlich sonnigen Strand von Blankenberge wieder in die richtige Stimmung bringen mussten. Unser Hotel „Malecot“ war abgesehen von ein paar kleinen „Macken“ ganz ordentlich. Es lag - sogar mit Seeblick - nur ein paar Meter vom Strand entfernt.

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20. Mai 2004:

10.00 Uhr. Alle 14 sind putzmunter und machen sich mit Auto und Rädern auf den Weg nach Brüggen, wo Luis unser Reisebegleiter uns schon erwartet. Heute geht es nämlich zu Fuß durch Brüggen, eine traumhaft schöne alte Stadt. Kaum eine Sehenswürdigkeit lässt er aus und wir bewundern immer wieder auf's Neue Kirchen, Klöster, Brücken und wunderschöne alte und neue Häuser. Wir erfahren von Luis viel über die Historie der Stadt Brüggen und die soziale Einstellung der reichen Bürger, die einst ganze Häuserzeilen für verwitwete Frauen und alte Menschen spendeten.

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Krönung dieses Tages war allerdings der berühmte „Himmelfahrts-Umzug“. Uns erwartete zuerst aber noch ein Besuch in der Musikschule, wo Luis uns mit leckeren Riesen-Baguettes versorgte und wir mit reichlich Bier vor dem Verdursten bewahrt wurden. Dann ging es zu unseren Sitzplätzen am Straßenrand. Keiner hatte wirklich etwas besonderes erwartet, was dann aber an uns vorbei zog fand unsere höchste Bewunderung. Die Geschichte Christi von der Geburt bis zur Auferstehung, mit Hunderten von Laiendarstellern in aufwendigsten Kostümen und Masken, Fahnenschwenkern und Musikern, großen Pferdewagen und Fußgruppen mit Lämmern und Kamelen. Der Umzug war perfekt dargestellt und stellenweise sogar ergreifend. Es war ein Tag voller Super-Eindrücke und niemand hat bereut, nicht auf dem Rad gesessen zu haben. Anschließend im Tuff-Tuff - hier hatten wir unsere Räder unterstellen können - hatten wir bei ein/zwei Bier dann reichlich Gesprächsstoff.

Etwas verspätet in Blankenberge zurück bekamen wir erst einmal eine „Standpauke“ von der Seniorenchefin zu hören. Das Essen sei kalt und ... und ... und so weiter. Aber Helgas unwiderstehlichem Charme erlegen, gab es dann aber doch - ohne Duschen und Feinmachen - ein leckeres Menü. Der Abend war ziemlich kurz (vielleicht weil der Genever nicht schmeckte?).

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21. Mai 2004:

9.30 Uhr. Es ist heiter bis wolkig, aber ziemlich windig - bis stürmisch. Trotzdem sieht man einige nackte Beine (zumindest vom Knie abwärts). Auf geht's gesund und munter wieder von Blankenberge nach Brüggen und auf die Räder. Luis erwartet uns und begleitet uns per Rad bis zum Stadtrand. Heute geht es nach Knogge und zurück nach Brüggen. Spätestens jetzt ist jedem klar, das wird ein Kampf Pedale gegen den Wind. Aber, die Sonne scheint und im kleinen Gang geht's ganz gut. Wir lernen eine einmalig schöne Landschaft kennen, mit vielen Tieren auf Höfen und Weiden, im Wasser und in der Luft. Von weitem können wir das Schloss „Potterie“ bewundern, in dem der Film „Geschichte einer Nonne“ mit Audrey Hepburn gedreht wurde und lernen „Damme“, den Geburtsort Till Eulenspiegels, kennen.

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Und dann kommt die Überraschung des Tages! Wir stehen am Kanal und sehen unten im Wasser so etwas wie ein Floß mit Geländer und einer großen seitlichen Kurbel. Das Ganze hängt an zwei Kabeln, die die beiden Kanalufer verbindet. Unter lautem Hallo und Beifall verladen die Männer unsere Räder auf die Fahrradfähre und machen sich mit Hilfe der Kurbel auf den Weg ans andere Ufer. Und dann müssen wir „Weiber“ per Kurbel die Fähre zu uns zurück holen, darauf springen und uns selbst ans andere Ufer kurbeln. Mein Ruf „holt über“ hatte leider nur den zu erwartenden männlichen Lacherfolg (aber die Männer waren ja auch vom Be- und Entladen der Räder offensichtlich total geschafft! Ätsch, wir hatten aber noch Hein bei uns!).

Wir hielten kurz bei der „Befestigungsanlage Westpoort“, die 1587 eine grosse Rolle bei der Belagerung durch den Herzog von Parma spielte, denn in Sichtweite lag schon ein sehr schöner Biergarten in der prallen Sonne, an dem wir natürlich nicht vorbei kamen. Ich wurde zwar viel um die letzte Portion Muscheln beneidet, aber der gebackene Aal wurde auch in den höchsten Tönen gelobt. Der Aufbruch fiel schwer, aber mit Knogge als Ziel und dann mit Wind im Rücken zurück kämpften wir weiter gegen den Wind an (Es blieb uns ja auch gar nichts anderes übrig!).

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Knogge! Knogge ist ein bekanntes belgisches Seebad! Das einzig Schöne an Knogge sind der Strand und die Promenade, auf der man windgeschützt in der Sonne sitzen und seinen Kuchen, seine Eisberge und sein Bier genießen kann. Unzählige Menschen tummelten sich auf der großen Wohn- und Geschäftsstraße über die wir zurück in die freie Natur flüchteten. Jetzt, mit Sonne und Wind im Rücken radelte es sich enüsslich gen Brügge. Plötzlich quietschten Helgas Bremsen und ein lauter Stopp-Ruf nach vorn ließ einige fast vom Rad fallen. Was war passiert? Aus den Augenwinkeln heraus hatten zwei drei Leutchen das „Schokoladenland“ entdeckt. Hmmm hier und hmmm da war zu hören und natürlich waren auf der Weiterfahrt die Gepäcktaschen ein bisschen praller.

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Der Fisch am Abend hielt nicht was wir uns von ihm versprochen hatten, trotzdem musste er im „Hafen“ bei Livemusik begossen werden. Komisch, auch hier konnte der Genever bei uns nicht punkten, so dass es bei einem blieb. Aber das Bier war gut und die Stimmung bald auf dem Höhepunkt. Ich glaube, es war Paul, der zuerst mit Tanzen anfing. Aber das ist wie bei einer ansteckenden Krankheit; Ihr könnt Euch denken, wie's weiter ging. Der nächste Morgen war deshalb ein bisschen „kopflastig“ (Namen werden nicht genannt).

22. Mai 2004:

9.30 Uhr. Der Wind hat sich zum Sturm entwickelt. Agnes macht den Wettertest vor der Türe. Haare, T-Shirt und Hose flattern nicht nur im Wind, nein, der Wind reißt ihr fast die Kleider vom Leib. Jeder denkt das gleiche ... „Und bei dem Sturm wollen wir Radfahren?“. Aber keiner kneift! Auf geht's wieder mit den Autos nach Brügge. Hier pieft es genauso! Luis macht eine (hinter-)listige Bemerkung, bringt uns aber wieder vor die Tore der Stadt und wünscht uns eine gute Fahrt. Helga und Reinhold sprechen uns Mut zu und auf geht's in Richtung Blankenberge.

Wir kämpfen tapfer und sind froh, als wir an dem kleinen Kapellchenhäuschen ankommen. Die Besichtigung dauert länger als nötig! Zeit schinden ist die Devise! Aber auch die längste Pause geht einmal zu Ende. Wieder auf den Rädern wird der Sturm noch heftiger und es wird ziemlich still auf den Rädern (mit anderen Worten, das Lachen ist uns vergangen). Aber als Belohnung ist uns der Frühschoppen im alten Wegerestaurant „Breughelhof“ versprochen worden, und mit dem verlockenden Ziel vor Augen, trampelt es sich schon ein wenig leichter. Und es wurde uns nicht zuviel versprochen. Das Trapistenbier - ob hell oder dunkel - wurde selbst von den Bierkennern heftigst gelobt. Da ziemlich hochprozentig, musste es leider bei dem einen Bier bleiben. Nicht jeder gab zu „einen im Tee zu haben“, aber wirklich leugnen konnten das nur die „Antialkoholiker“.

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Raus aus dem Ort ging's über Feld und Flur wo der Sturm sich von seiner hässlichsten Seite zeigte (arme Kühe und Kälbchen) und uns unsere letzten Konditionsreserven ablotzte. Aber wir haben ihn besiegt! Helga las tapfer vor über Wassergräben mit Aalen, von alten Burgen, von Polderkartoffeln und von dem Gras, das einen besonderen Geschmack an die Milch gibt, von der Kirche aus dem 12. Jahrhundert und der Geschichte aus jüngster Zeit, als der Pastor eine Kneipe kaufte, die jetzt als Pfarrhaus dient und als Gemeindehaus einen guten Umsatz macht (wirklich tolle Idee!).

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Und dann waren wir tatsächlich in Blankenberge! Draußen im Meer-Restaurant, mit herrlichem Blick auf den Strand war das Essen zwar nicht so toll, aber wir hatten Ruhe vor dem Sturm und konnten den Sonnenschein genießen. Hier hat Hein sich vernünftigerweise verabschiedet, aber sich für den Abend wieder mit uns in Brügge verabredet. Bis „Zeebrügge“ waren es nur etwa 5 Kilometer und schon durften wir wieder absteigen und im Hafen das alte verrottete russische Atom-U-Boot bewundern. Aber hinein wollte keiner. Dafür gab es nicht weit vom Hafen frischen Matjes. Die einen bekamen Matjes, die anderen dafür später ganz leckere karamellisierte Apfelküchle mit Eis und Sahne. Hmmm!

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Jetzt mit Sonne und dem Wind im Rücken waren alle wieder geschwätziger. Erwähnt werden muss noch die „Rote Pforte“, die früher zu einem heute geschlossenen Kloster führte. Als letztes Relikt der glanzvollen Zeit ist die einmalige gotische Scheune erhalten geblieben, deren Dach mit 32.000 Dachziegeln gedeckt wurde. Der Innenraum mit der Architektur eines umgedrehten Schiffes und seiner gewaltigen Balkenkonstruktion war wirklich beeindruckend. ... Sehr praktisch! Direkt daneben das Restaurant „Hof ter Doest“. Empfehlung der Reiseleitung: „Hier sollte man auf jeden Fall eine Pause machen, denn allein das Kaffeetrinken ist eine Zeremonie!“ Es gab „eine Zeremonie“, ansonsten Bier und anderes.

Auf dem letzten Stück der Tour standen plötzlich - wie aus dem Erdboden gewachsen - Hein und Luis auf der anderen Kanalseite und lachten sich über ihre gelungene Überraschung halb tot! Luis lotste uns nun das letzte Stück mit dem Pkw bis Brügge. Jetzt hieß es Autos holen und im Konvoi ins Zentrum fahren, wo es in Radlerkluft in einen „Nobelschuppen“ zum Essen ging. Aber selbstbewusst haben wir auch das gemeistert und genossen.

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Aber damit war der Tag noch lange nicht zu Ende. Die nächtliche Bootsfahrt durch das angestrahlte Brügge war der gelungene Höhepunkt des Tages. Einhellige Meinung: „Unbeschreiblich schön, einmalig!“. Freiwillig gingen um Mitternacht alle in (ihre) Betten.

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23.05.2004:

9.30 Uhr. Schwarze Wolken und Sturm bedrohten uns. Aber inzwischen konnte uns kein (Un-)Wetter mehr erschüttern. Am letzten Tag ging es mit den Rädern durch Brügge. Zuerst besichtigten wir „das erste Gotteshaus aus dem 11. Jahrhundert“, wo Frauen jedes Jahr eine 6-kg-Kerze stiften zum Dank dafür, dass ihre Männer 1304 aus dem Krieg mit den Franzosen zurückkehrten. Das „Potterie“-Museum, das heute das größte Altenheim von Brügge ist, ist eine einzige Schatzkammer und die integrierte Kirche mit dem Marmoraltar ziemlich beeindruckend. Museen gibt es in Brügge wie Sand am Meer. Fast am liebsten aber war einigen von uns das Museum „Golden Baümo-Brauerei“. Uralte Silos, Hopfenpressen, Fässer und Hunderte von Bierkrügen unter der Decke wurden von uns bewundert. Und siehe da, Luis entlockte der alten Zapfanlage köstlich frisches Bier, das leider unser letztes sein sollte, denn nach dem Mittagessen im Tuff-Tuff mussten wir ja unsere Heimreise antreten (diesmal aber über Brüssel!).

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Liebe Helga, lieber Reinhold!

Um das alles zu Papier zu bringen, musste ich ja Eure täglich siebenseitigen Wegbeschreibungen von „Vlanderen Fietsroute“, „Walweinstraat“ und „Van Eyck Plain“ bis „Maerlandroute“ lesen. Fehlte nur noch: „Wenn von links eine rote Möwe kommt, ihr folgen ...!“. Nach diesen Beschreibungen wäre keiner von uns auch nur drei Orte weit gekommen. Alle Achtung! Und ... 14, nein, 12 x Danke, danke, danke usw.!

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Alles in Allem: Super Radtour. Beste Stimmung, keine Verletzungen, kein Platter, und unser Regenzeug haben wir nur am letzten Tag ganze fünf Minuten angehabt. Und Paul hat sich nicht nur mit seiner „Einstandsrunde“ „brauchbar“ eingeführt ... Auch allen anderen „Spendern“ sei hier noch einmal gedankt.

Eure

Hanny Visang

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