Segeln bei Neapel I - 28. Mai bis 04. Juni 2005
Der unaufhaltsame Aufstieg einer Landratte
„Hast Du Lust, mit Segeln zu kommen?“ „Ich Landratte, Segeln?“ „Ja, uns fehlt noch ein sechster Mann für einen Törn im Mittelmeer.“ „Im Mittelmeer?“ „In der Bucht von Neapel.“ Das reizt. Und schließlich war ich auch schon mal mit einem Plattbodenschiff im Ijsselmeer unterwegs. Also Zusage und an dem von Skipper Paul (Banischewski) und seinem Partner Klaus (Steinberg) bestens organisierten Vorbereitungstreffen teilnehmen. Das alles sieht gut aus und hört sich gut an. Klar, beim Segeln kommt es auf Wind und Wetter an und bei sechs Personen auf einer schnittigen 14m-Yacht wird es schon eng. Aber mit ein wenig „Camping-Mentalität“ wird das schon klappen. Schließlich kenne ich ja wenigstens einen Mann aus unserer Crew.
Genau dieser eine kann leider aus beruflichen Gründen nicht mit und so wird schon die Suche nach den zwei Segelkameraden auf dem Flughafen Köln-Bonn beim Abflug zum Abenteuer. Denn wir kennen uns ja gar nicht - und Paul und Klaus sind zwecks Organisation schon zwei Tage vorher in den Süden gedüst. Das Auffinden der beiden „unbekannten“ Crewmitglieder Helmut und Klaus (noch ein Klaus) ist ebenso problemlos wie das „Sich finden“. Mit fünf Mann auf einer engen Yacht gibt es entweder Zoff oder ein großartiges Erlebnis. Es wird ein großartiges Erlebnis.
Bis wir auf der Yacht sind, wird es zwar an diesem Samstag etwas spät (wegen Generalstreik in Italien), aber wenigstens holt unser Taxifahrer in Neapel etwas Zeit auf („Schumi braucht bis zum Hafen eine halbe Stunde, ich 20 Minuten“ - und so fährt er auch!). Der Hafen: ein Gedicht! Mitten in Neapel mit Blick auf den Vesuv liegt der kleine Yachthafen Santa Lucia und mitten im Hafen liegt unser neues Zuhause für eine Woche. Paul und Klaus begrüßen uns an Bord mit einem Gläschen Roten und Klaus, unser Smutje, hat gleich seine ersten Tapas bereit, mit denen er uns auf der ganzen Reise immer wieder glücklich macht. So kann man es aushalten. Wegen der Verspätung geht es heute nicht mehr raus und so machen wir noch ein wenig das Zentrum (welch eine Galeria) und die Altstadt von Neapel unsicher, essen zu Abend und dann ab in die ganz leicht schwankende Koje.
Wenn ich in dem Tempo weitererzähle, fülle ich das ganze Heft. Also kürzer: Bei wundervollem, nicht zu heißem Sonnenwetter mit Windstärken von 2 bis 3 auf einem der schönsten Teile des Mittelmeers mit den Traumzielen Procida, einer recht originalgetreuen Fischerinsel, Iscia, Capri, Amalfi und Sorrent - was will das Herz mehr? Dauernd neue Eindrücke, eine phantastische Landschaft, Gespräche über Gott und die Welt, aber auch viel Quatsch und Spaß, Ausruhen, Essen Trinken, im Meer schwimmen, alles in allem: So, wie sich an Land schon bald ein leicht schaukelnder Gang einstellt, weil sich der Körper erstaunlich schnell an die „neue Heimat“ gewöhnt (gar nicht so einfach für Stehpinkler!), genau so baumelt auch die Seele bald jenseits von Stress und Pflicht. Ganz schnell stellt sich ein neuer Lebensrhythmus ein, ganz schnell bleibt die Hektik des Alltags hinter uns (wenn sie Helmut auch immer mal wieder einholt), ganz schnell wird aus fünf Menschen, die sich vorher kaum kennen, eine Crew, ein Wir. Apropos: neuer Lebensrhythmus: der 8,9,10,11er Rhythmus wird von Paul und Klaus klar vorgegeben: acht Uhr aufstehen, neun Uhr Frühstück, zehn Uhr ablegen, und um 11.00 Uhr - nein, das verraten wir nicht jedem, welches Getränk wir täglich um diese Stunde (bis auf eine rühmliche“ Ausnahme) zu uns nehmen „müssen“.
Irgendwas fehlt noch: ach ja, Segeln!! Die Yacht ist richtig flott unterwegs trotz Schwachwind und nachmittags wird aus dem Schwachwind ja fast jeden Tag auch richtiger Wind. Außer mir sind alle erfahrene Segler, aber als „Genuese“ bin ich auch bald brauchbar. „Genua“ heißt das größere Vorsegel, das bei diesem Schiffstyp das Großsegel überlappt und für erstaunliche Geschwindigkeit sorgt. Ich kann, darf und soll es bedienen, insbesondere, wenn der zweite Klaus grinsend fragt: „Na, gefällt Dir Deine Fock?“ Als jeweiliger „Skipper of the Day“ wechseln sich die erfahrenen Segler ab. Keiner hat die geringste Mühe mit dem schnellen, aber gutmütigen Schiff. Am letzten Tag nicht einmal ich: denn dank meinem mehr oder weniger sinnvollem „Strippen-ziehen“ am Vorsegel, hat Paul die Crew davon überzeugt, dass ich auch mal ans Ruder darf. Das Ruder ist auf dieser Yacht keine „Pinne“, sondern gleich zwei parallele Räder. Freunde, jetzt nix Automatik, sondern das Ziel angepeilt und dann mit sachten Ruderbewegungen drauf zu. Und zwischendurch feixend Klaus fragen, ob ihm denn „seine“ Genua gefällt. Großes Gelächter, das ist vielleicht ein Aufstieg: vom Leichtmatrosen zum Kurzzeit-Chef.
Aber es gibt natürlich nicht nur Aufstieg, sondern auch den einen oder anderen Abstieg, z.B. den vom Segeln zum Motoren oder noch viel schöner: den ins Meer. Ja, wenn der Wind mal ganz ausbleibt, also vor allem vormittags, dann muss eben manchmal auch der Motor angeschmissen werden (wenn wir ehrlich sind, von kraftraubendem „Anschmeißen“ kann keine Rede sein, man dreht den Schlüssel und schon blubberts): So richtig kann „Knattern“ das Herz eines ruhesüchtigen Seglers nicht erfreuen, aber manchmal geht es eben nicht anders. Viel mehr erfreut der andere Abstieg: das Schwimmen im Meer. Wenn man nämlich besonders clever ist, dann wartet man zwischen „unter Motor Fahren“ und Segeln mittags eben etwas ab und geht zwischenzeitlich im 22 Grad warmen Wasser des Mittelmeers schwimmen. Das ist ein wunderbares Gefühl, und es würde uns auch nicht stören, wenn wir in Neapel als „Nudistenschiff“ verschrien wären. Sind wir aber nicht, andere Schiffe halten sich in respektvollem Abstand. Es ist zwar nicht nur reines Meerwasser, was dem Schwimmer in der Bucht von Neapel begegnet, aber insgesamt ist es doch ein sehr angenehmes Erlebnis.
Natürlich, zum Segeln gehören auch die Häfen: schön sind sie alle in der Bucht von Neapel, allerdings lässt die Ausstattung teilweise zu wünschen übrig: der Hafen von Procida ist ganz neu, aber die sanitären Anlagen sind noch in Bau. Da kann ich als Bordkassenwart verhandeln und die Gebühren etwas drücken. Anders ist das in Capri, wo man uns für einen allerdings schönen Liegeplatz richtig Geld abnimmt. Dafür ist die Umrundung von Capri mit den steilen Felssäulen im Meer auch ein Gedicht. Im schönen Hafen von Amalfi verweist man uns in sanitärer Hinsicht auf einen nahen Spielplatz, was die Hafengebühr allerdings nur mäßig mindern. In Sorrent schließlich gibt es nur einen Privathafen, wo die Yachten an der Reede liegen und wir mit dem Beiboot - Gott sei Dank mit Außenborder - an Land müssen. Ach ja, Sorrent und die Steilküste. Unten der gar nicht so leicht von See aus zu findende Hafen und oben der über steile Treppen zu erreichende Ort. Oben ein Verkehr wie mitten in Rom und andererseits enge Gässchen in der Altstadt. Wir müssen noch Getränke bunkern. Aber als wir nach dem Rundgang durch die Stadt wieder runter zum Hafen kommen, gibt es unten keinen Laden und die Kneipe will uns Bier nur zu einem unverschämten Preis verkaufen. Also laufen Paul und ich noch mal die Treppen hinauf, holen eine Menge Bier und wieder runter. Das hält fit.
Was gibt’s noch zu berichten: Dass zum Abschied Paul und Klaus auf dem Schiff bleiben, um die nächste Crew in Empfang zu nehmen, die wir zumindest teilweise schon kennen lernen, dass Helmut, Klaus und ich noch Pompeji zu Fuß erobern - auf die gleiche Art hatten sich Klaus und Paul schon Plattfüße am Tag vor unserer Segeltour geholt - und dabei beeindruckende Bilder aufnehmen, dass der Rückflug problemlos ist, dass wir uns gut vorstellen können, das Ganze noch mal zu machen, dass wir so manches Mal mit Bedauern an den dachten, der kurzfristig leider nicht mit konnte, dass das ganze „ne Wucht“ war, all das kann sich der geneigte Leser sicher denken. Aber fühlen, fühlen kann man das ganze nur, wenn man dabei war. Und dafür bin ich dankbar und ich denke, das geht uns allen fünf so. Also Paul, vielen Dank für den tollen Törn.
Hartmut Forndran

